KI und Wahrheit: Die Illusion von Neutralität

Profil einer Frau mit Brille, angelehnt an eine spiegelnde Wand in Blautönen.

Chinesische KI-Modelle sorgen einmal wieder für Unruhe. DeepSeek hat zwei Modelle veröffentlicht, die eine Million Token verarbeiten können, offen zugänglich sind und bei anspruchsvollen Coding- und Agentenaufgaben teilweise in Regionen vorstoßen, die bisher den großen amerikanischen Anbietern vorbehalten schienen. Und das zu Preisen, bei denen man sich im Silicon Valley unangenehme Fragen gefallen lassen muss.

Eine Kampfansage aus China mit der reflexhaften Antwort vieler im Westen: DeepSeek ist ein chinesisches Modell. Es ist politisch kontrolliert, ideologisch geprägt und bei bestimmten Themen wird ausweichend geantwortet oder gleich ganz geschwiegen.

Stimmt.

Wer jetzt allerdings glaubt, dass die westlichen Modelle zumindest näher an der Realität sind, ist schon mitten im Problem. Denn näher an welcher Realität? An unserer. Wir erkennen die ideologische Prägung chinesischer Modelle sofort, weil sie von unserem Bild der Welt abweicht. Bei westlichen Modellen fällt uns das erheblich schwerer. Ihre Antworten sprechen unsere Sprache, teilen viele unserer Werte und bewegen sich innerhalb von Grenzen, die uns vernünftig erscheinen.

Wir verwechseln das Vertraute mit der Wahrheit

Spoiler: KI zeigt uns, dass die Suche nach der Wahrheit viel anstrengender ist als wir bislang dachten. Ein paar Beispiele, von denen die meisten denken, dass die Wahrheit einfach zu erkennen ist.

Ein Blick in den Spiegel genügt. Was wir dort sehen, halten wir für uns. Dabei sehen wir eine spiegelverkehrte, vom Licht, vom Winkel und von der Entfernung abhängige Version unserer selbst. Und weil wir jeden Tag hineinschauen, nehmen wir die kleinen Veränderungen kaum wahr. Unser Gesicht verändert sich langsam. Unser inneres Bild von uns noch langsamer. Fast alle halten sich für jünger aussehend, weil wir noch das Bild unserer Jugend in uns tragen.

1 + 1 = 2. Das ist eindeutig richtig? Unzweifelhaft? …….Nicht ganz. Was geschieht, wenn ein Wassertropfen auf einen zweiten trifft? Es entstehen nicht zwei Tropfen. Es entsteht ein größerer. Die Mathematik addiert Einheiten. Die Physik beobachtet, was mit ihnen geschieht. Gleiche Ausgangslage. Andere Fachrichtung. Andere Antwort. Die vertraute Antwort muss nicht zwingend die einzig richtige sein.

Ist die Erde eine Kugel? Gegenüber einem Menschen, der sie für eine Scheibe hält: Ja! Für einen Geodäten: Nein, denn die Erde ist an den Polen abgeflacht und nicht wirklich eine Kugel. Die vertraute Antwort muss nicht zwingend die einzig richtige sein.

Alle diese Fragen klingen eindeutiger Antwort. Doch in jeder steckt eine Entscheidung darüber, was genau gemeint ist, welches Ziel zählt und wie präzise die Antwort sein muss.

Ein KI antwortet immer. Wenn wir die Kriterien nicht vorgeben, wählt sie welche für uns. Genau dort endet die Illusion von Neutralität.

Daten sprechen eben nicht für sich

„Ich glaube nur einer Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Der Satz ist lustig. Und irreführend. Denn man muss eine Statistik gar nicht fälschen, um mit ihr eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Es reicht, auszuwählen.

Ich habe als Bauingenieurin einen Teil meines Studiums mit Statistik verbracht. Zum Glück, denn mir wurde eine Erkenntnis geschenkt, die mich bis heute begleitet: Eine Statistik kann mathematisch vollkommen korrekt sein und trotzdem ein schiefes Bild der Wirklichkeit erzeugen.

Nehmen wir die Zahl 42. Das ist ein Datenpunkt. Mehr nicht. 42 Millimeter Regen innerhalb einer Stunde in einem bestimmten Einzugsgebiet: jetzt wird aus dem Datenpunkt eine Information. Wenn ich diese Information mit früheren Messungen und der Leistungsfähigkeit der Kanalisation vergleiche, kann daraus eine Erkenntnis entstehen: Bei einem solchen Regenereignis droht eine Überlastung. Erst danach folgt die Entscheidung: Muss die Kanalisation vergrößert, ein Rückhaltebecken gebaut oder mehr Fläche entsiegelt werden? (Merkt man eigentlich, dass ich Siedlungswasserwirtschaft studiert habe?? )

Daten. Information. Erkenntnis. Entscheidung.

Das klingt nach einer sauberen Kette. Doch schon ganz am Anfang wurden Entscheidungen getroffen: Wo stand das Messgerät? In welchen Abständen wurde gemessen? Welcher Zeitraum wurde betrachtet? Galt der Starkregen als relevante Beobachtung oder als statistischer Ausreißer? Dasselbe gilt für den Satz: „Im Homeoffice ist die Produktivität um zwölf Prozent gestiegen.“

Was wurde als Produktivität gemessen? Die Zahl der geschriebenen E-Mails? Abgeschlossene Aufgaben? Umsatz? Arbeitszeit? Und über welchen Zeitraum? Bei welchen Beschäftigten? Was geschah mit Zusammenarbeit, Kreativität oder Krankheitstagen?

Die zwölf Prozent können vollkommen korrekt sein. Welche Geschichte sie erzählen, wurde vorher entschieden.

Daten bilden die Realität nicht einfach ab. Sie zeigen den Ausschnitt, den wir vorher gewählt haben.

KI nimmt uns nur das Denken ab, wenn wir uns anstrengen, die richtigen Fragen zu stellen

Daten sind ausgewählte Ausschnitte der Wirklichkeit. KI-Modelle lernen aus diesen Ausschnitten und werden danach weiter geformt. Menschen bewerten ihre Antworten, definieren Sicherheitsregeln und entscheiden, welche Aussagen erwünscht, riskant oder unzulässig sind. Und damit sind wir wieder bei DeepSeek.

Bei einem chinesischen Modell sind wir wachsam. Wir fragen: Was darf es über den Staat sagen? Welche historischen Ereignisse blendet es aus? Wie spricht es über Taiwan, Menschenrechte oder Proteste? Wo endet die Information und wo beginnt die politische Kontrolle?

Diese Fragen sind berechtigt. Bei westlichen Modellen müssten wir sie mit derselben Konsequenz stellen. Doch das fällt uns schwerer, weil wir uns in unserer vertrauten Welt bewegen. Wir erkennen die blinden Flecken nicht, oder nur sehr schwer. Wer behauptet, KI nehme uns das Denken ab, sieht hier, warum das nicht stimmt. Denn es erfordert unseren ganzen Intellekt, die richtigen Fragen zu stellen. Für die westlichen Modelle beispielsweise:

Welche Vorstellung von Freiheit liegt ihnen zugrunde? Die Freiheit, nahezu alles sagen zu dürfen? Oder die Freiheit, vor diskriminierenden und verletzenden Aussagen geschützt zu werden? Wie stark stellen sie das Individuum in den Mittelpunkt? Welche Bedeutung haben Gemeinschaft, Familie, Religion oder gesellschaftliche Pflichten? Welche politischen Positionen gelten als legitim, welche als extrem und welche erscheinen gar nicht erst im Raum des Sagbaren?

Und was gilt als größeres Risiko: eine möglicherweise schädliche Antwort oder eine Information, die uns vorenthalten wird?

Schon der Begriff „westliche Werte“ täuscht eine Eindeutigkeit vor, die es nicht gibt. Amerikanische Vorstellungen von Meinungsfreiheit unterscheiden sich von europäischen. Deutscher Umgang mit Geschichte setzt andere Grenzen als der amerikanische. Trotzdem werden amerikanische Kultur- und Rechtsvorstellungen über weltweit genutzte Modelle exportiert – eingebaut in Antworten, Warnhinweise und Verweigerungen.

Bei einem chinesischen Modell sehen wir die Herkunft jeder Antwort mit. Bei einem westlichen Modell sehen wir häufig nur die Antwort. Fremde Werte erkennen wir sofort. Die eigenen verwechseln wir mit Normalität.

Mit KI wird unser Gehirn entweder zum Couch-Potato oder zum Hochleistungssportler

Am Ende haben wir zwei Möglichkeiten. Wir können KI als Abkürzung benutzen. Die erste plausible Antwort übernehmen, den Text noch ein wenig glätten und erleichtert auf „Senden“ drücken. Das ist bequem und fatal. Unser Gehirn ähnelt einem Muskel: Was wir dauerhaft nicht mehr benutzen, wird schwächer. Aus Entlastung wird Trägheit. Aus Trägheit wird Abhängigkeit.

Oder wir machen die KI zu unserem Trainingspartner. Wir lassen sie unsere Überzeugungen angreifen, Gegenargumente entwickeln, fehlende Perspektiven suchen und die Maßstäbe hinter ihren eigenen Antworten offenlegen. Dann führt sie uns aus dem vertrauten Denken heraus. Wir können Fragen stellen, die wir allein vielleicht nie formuliert hätten, und in Tiefen vorstoßen, die uns bislang verborgen geblieben sind.

Die KI gibt uns Antworten. Ihre eigentliche Zumutung besteht darin, dass wir plötzlich Verantwortung für die Maßstäbe hinter diesen Antworten übernehmen müssen: Was halten wir für wahr? Was für fair? Welches Risiko nehmen wir in Kauf? Und wessen Perspektive fehlt? Diese Verantwortung können wir nicht delegieren.

KI nimmt uns das Denken nicht ab. Sie zeigt uns, wie viel Denken wir bisher vermieden haben.

What a time to be alive.