KI hat den bekannten Bewerbungsprozess zerstört. Zeit für einen anderen Weg

Dokument mit der Aufschrift CV verbrennt in rosa-violetten Flammen.

Reden wir nicht um den heißen Brei. Deutschland ist in der Rezession. Das merke ich auch in meinem Freundeskreis. Dort bewerben sich Menschen mit makellosen Lebensläufen, in meiner Bubble häufig mit tiefen KI-Kenntnissen und praktischen Erfahrungen als Abteilungsleiter. Ich hätte gedacht, diese Menschen können sich die Jobs aussuchen. Die Realität sieht anders aus. Der Grund dafür ist KI.

Einen perfekten Lebenslauf mit KI zu erstellen, ist mittlerweile Standard. Angepasst an die Stellenanzeige, optimiert für die automatisierten Bewerbermanagementsysteme der Unternehmen, damit eine möglichst hohe Passung signalisiert wird. Das hat Konsequenzen: Output mit KI zu erzeugen, ist mit KI ja kein Problem mehr. Also werden massenweise „maßgeschneiderte“, „perfekte“ Lebensläufe an die Unternehmen geschickt. Die ertrinken in der Flut der Bewerbungen.

Der Kreislauf des Absurden: KI schreibt für KI. KI bewertet KI und filtert KI.

Und zwischendrin stirbt das bekannte Bewerbungsverfahren. KI hat den sowieso historisch zweifelhaften Prozess auf die Spitze und damit ad absurdum geführt. Denn das Bewerbungsverfahren war schon immer ein seltsames Theaterstück. Unternehmen beschrieben sich als innovativ, wertschätzend und offen. Bewerber antworteten mit Teamfähigkeit, Belastbarkeit und großer Leidenschaft für genau diese Aufgabe. Beide Seiten sagten vor allem das, von dem sie glaubten, dass die andere Seite es hören wollte.

Welche Schwächen haben Sie? Natürlich Perfektionismus. Ungeduld, weil ich Ziele schneller erreichen will als vorgegeben. Warum möchten Sie ausgerechnet zu uns? Natürlich wegen der einzigartigen Unternehmenskultur.

Kaum irgendwo ist Authentizität weiter entfernt als im Bewerbungsprozess. Der Mensch tritt nicht als Mensch auf, sondern als möglichst passende Version einer Stellenanzeige.

KI hat das Theaterstück perfektioniert und damit die finale Aufführung eingeläutet. Wir brauchen etwas anderes.

Das Paradoxon unserer Zeit. KI kann uns aus dem Käfig befreien.

Sie kann uns spiegeln, wie es ein Lebenslauf niemals konnte. Vorausgesetzt, wir geben ihr mehr als Titel, Abschlüsse und Zertifikate. Erzähle ihr von den Projekten, auf die du stolz bist. Von den Aufgaben, für die du gebrannt hast. Von den Momenten, in denen du ausgebrannt bist. Von Entscheidungen, die dir leichtfielen, und von Umfeldern, in denen du dich verbiegen musstest. Von dem Führungsstil, der Dir gemäß ist.

Dann kann KI Muster sichtbar machen, für die wir selbst häufig keine Worte haben.

Vielleicht kannst du Komplexität ordnen, während andere längst den Überblick verlieren. Vielleicht schaffst du Verbindungen zwischen Menschen, die sonst nie miteinander gesprochen hätten. Du erkennst Zusammenhänge, übersetzt zwischen Fachwelten, hältst Krisen aus oder stellst genau die Frage, die einen festgefahrenen Prozess wieder in Bewegung bringt. All das steht in keinem Zertifikat. Vieles davon sehen wir selbst nicht, weil es uns selbstverständlich erscheint.

KI kann uns helfen, diese blinden Flecken zu erkennen. Und sie zwingt uns, uns selbst den Fragen zu stellen, die im klassischen Bewerbungsverfahren kaum vorkommen: Was will ich wirklich? Welche Werte sind für mich unverhandelbar? In welcher Kultur werde ich stark? Was kann ich richtig gut? Und passt dieses Unternehmen tatsächlich zu mir?

Die nächste Bewerbung beginnt nicht mit deinem Lebenslauf

Eine individuelle Bewerbung kann ein Anfang sein mit geringen Erfolgsaussichten. Sie wird in der Flut der anderen Bewerbungen untergehen. Algorithmen belohnen keine Individualität. Genau deshalb werden menschliche Verbindungen wichtiger als jemals zuvor. Sprich über Dich. Zeig Dich mit deinen Fähigkeiten, für die du jetzt Worte hast. Weil Du Dich selbst mit einer KI reflektiert hast.

Das kann ein Gespräch im Freundeskreis sein. Eine Begegnung beim Fußballspielen. Eine Veranstaltung, auf der du offen darüber sprichst, was du kannst, was du suchst und was dir wichtig ist. Schau auf Deinen digitalen Fussabdruck. Was findet man über Dich? Ein LinkedIn-Profil ist mehr als ein digitaler Lebenslauf mit einem gut klingenden Titel und einer langen Liste von Stationen. Es ist eine Chance, erkennbar zu werden.

Welche Themen beschäftigen dich? Welche Haltung vertrittst du? Welche Ästhetik passt zu dir? Welche Farben, welches Bild, welchen Satz wählst du? Was schreibst du selbst, und wo mischst du dich in Gespräche ein? Wo traust Du Dich vielleicht sogar, ein bisschen zu provozieren?

Dafür brauchst du keine Tausenden Follower. Du brauchst ein Profil, nach dessen Besuch ein anderer Mensch eine Ahnung davon hat, wer du bist. Befreie dich dabei von der Vorstellung, jeder Beitrag müsse dich für deine nächste Wunschstelle passend machen. Schreibe über das, was dich wirklich beschäftigt. Kommentiere dort, wo du etwas beizutragen hast. Zeige auch Gedanken, die ungewöhnlich sind.

Und baue Verbindungen auf, bevor du etwas von ihnen brauchst. Mit Menschen, die dich interessieren. Aus anderen Branchen, anderen Berufen und anderen Lebenswelten.

Die nächste berufliche Chance nicht dort, wo du perfekt in ein Raster passt. Sie entsteht dort, wo ein Mensch dich sieht, sich an dich erinnert und denkt: Mit dieser Person sollten wir sprechen. Ich selbst spreche aus eigener Erfahrung. Nach 6 Jahren Quereinstieg in die IT hatte ich einen Arbeitsvertrag bei IBM. Ich habe mich nicht beworben. Ein Recruiter fand damals mein Social Media Profil interessant. Gleiches ist passiert bei meiner neuen Rolle als Direktorin Digitalisierung. Magnet waren meine Beiträge, die meine Persönlichkeit zeigten. Damals noch nicht als LinkedIn Top Voice mit mehr als 10k Followern. Ein „normales“ Profil, das immer mich repräsentiert hat.

Und ja, das bedeutet auch mit Kritik umzugehen. Damit klarzukommen, dass man nicht von allen gemocht wird. Das ist Teil des Spiels und Teil der Reise, was uns als Mensch ausmacht.

Auch Unternehmen suchen wieder Menschen statt Lebensläufe

Auch Unternehmen haben verstanden, dass sie aus der Flut perfekter Bewerbungen kaum noch erkennen können, wer wirklich interessant ist. Deshalb verlassen sie sich wieder stärker auf das, was Algorithmen nicht herstellen können: Vertrauen.

Positionen werden über Empfehlungen besetzt, über ehemalige Kollegen, Bekannte, persönliche Netzwerke und Hinweise aus dem eigenen Unternehmen. Jemand kennt jemanden, hat schon einmal mit ihm gearbeitet oder kann glaubwürdig sagen: Mit dieser Person solltet ihr sprechen.

Damit beginnt die Auswahl oft lange vor der offiziellen Bewerbung. Eine Begegnung auf einer Veranstaltung, ein Gespräch im privaten Umfeld oder ein Beitrag auf LinkedIn kann entscheidender werden als das perfekt optimierte Anschreiben. Sichtbarkeit und echte Beziehungen werden im Bewerbungsprozess wichtiger als die nächste algorithmisch perfektionierte Unterlage.

Hör auf, dich passend zu machen.

Nutze KI nicht länger dafür, dich möglichst geräuschlos in ein bestehendes Raster einzufügen. Nutze sie, um herauszufinden, welche Möglichkeiten du bisher übersehen hast.

Was kannst du wirklich gut? Welche Fähigkeiten ziehen sich durch deine beruflichen Stationen, auch wenn sie dort nie ausdrücklich benannt wurden? Wo könntest du diese Fähigkeiten noch einsetzen? In welchen Branchen werden genau solche Menschen gebraucht? Wer arbeitet dort bereits an interessanten Themen? Welche dieser Personen kennst du vielleicht schon über zwei Ecken, ohne es zu wissen? Und auf welchen Veranstaltungen könntest du ihnen begegnen?

Genau darin liegt die eigentliche Stärke von KI. Sie kann Verbindungen erkennen, die wir selbst nicht sehen. Zwischen Erfahrungen und Fähigkeiten. Zwischen Branchen und Aufgaben. Zwischen dir und Menschen, die bisher außerhalb deines Blickfelds lagen.

Wir leben in einer Zeit, in der sich Arbeit schneller verändert als unsere Berufsbezeichnungen. Neue Aufgaben entstehen, für die es heute noch keine klaren Stellenprofile gibt. Ganze Rollen werden sich erst entwickeln, während wir bereits mitten in der Veränderung stehen.

Deshalb wird die Frage immer weniger lauten: Passt dein Lebenslauf zu dieser Stelle? Die wichtigere Frage lautet: Was kannst du beitragen, das in Zukunft gebraucht wird?

Hör auf, dich passend zu machen. Finde heraus, was zu dir passt. Zeige, was du kannst. Sprich darüber. Baue Verbindungen auf. Werde sichtbar. Denn deine nächste Aufgabe wird vielleicht nicht ausgeschrieben. Vielleicht entsteht sie erst, weil jemand Dich kennt und mit Dir gesprochen hat.

What a time to be alive.